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Georg Schweisfurth · Die Bio-Revolution

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Georg Schweisfurth

Die Bio-Revolution

Die erfolgreichsten Bio-Pioniere Europas

 

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Inhalt

Warum Bio besser ist

Die Eigenbrötlerin

Erhalten statt wachsen

Korkeichen für den Wein, Steineichen für das Schwein

Die mallorquinischen Weinrebellen

Der Verfechter der Vielfalt

Öl und Wein, die zwei edelsten Säfte

Die Basis für besten Ziegenkäse

Olivenöl ohne Kompromisse

Ziegen aus Überzeugung

Die glückliche Camargue

Größe ist anfällig

Wahl-Italiener mit kulinarischer Mission

Dieser Tierhaltung gehört die Zukunft

Energische Übermutter

Die Magierin der Gewürze

Vielfalt auf dem Hof statt Monokultur im Kopf

Mogens’ essbarer Schulgarten

Wein mit tausendjähriger Vergangenheit

Der letzte Krabbenfischer von Sylt

Vorbildlicher Riese

Grenzüberschreitende Bio-Dynamik

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Warum Bio besser ist

Es gibt die einen, die beklagen, dass die Landwirtschaft samt Artenvielfalt den Bach hinuntergeht und die wichtige Arbeit der Lebensmittelerzeugung trotz Subventionen nicht gerecht entlohnt wird. Und es gibt die anderen, die die Ärmel hochkrempeln und zupacken: umsichtig, nachhaltig, freudig, erfolgreich – und „Bio“.1 Um diese Menschen und ihre Lösungen für die Großbaustelle Lebens-Mittel geht es in diesem Buch.

Die Bio-Revolution! Ich verstehe diesen Titel als Appell an alle, die für die Lebensmittel-Welt, wie wir sie uns gemacht haben, Verantwortung tragen. Das sind zunächst einmal die Lebensmittelkonzerne, seien es die industrielle Landwirtschaft, die Importeure, die weiterverarbeitende Industrie oder der Handel. Dazu gehören natürlich auch die Kundinnen und Kunden, die diese Systeme durch ihre Nachfrage zumindest mit ermöglichen. Außerdem die Politik, die den gesetzlichen Rahmen schafft und selbst den unsinnigen Teil der Globalisierung anheizt. Und auch die Wissenschaft, die die Welt unzulässig in ihre Einzelteile zerlegt und deshalb oft falsche Schlüsse zieht, trägt Verantwortung.

Mein Buch zeigt Gegenentwürfe zur industriellen Lebensmittelwelt von heute auf. Es gibt schon viele gute Beispiele von Menschen, die einen anderen Weg eingeschlagen haben und dabei sehr erfolgreich sind. Die mit dem Feuer im Kopf, wie es der Journalist Claus-Peter Lieckfeld nennt. Sturschädel, die etwas erreicht haben. Gegen Green-washing, also das Werben mit unzureichend durchgesetzter Nachhaltigkeit, und gegen Werbelügen.

Adam Smith hat vor 237 Jahren sein Werk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ veröffentlicht, in dem die „unsichtbare Hand des Marktes“ und ihre Unversehrtheit beschworen wird, was zum „höchsten Wohle aller“ führe. Dieser Leitgedanke der Politik und Wissenschaft über Jahrhunderte soll uns glauben lassen, dass die Märkte es schon richten würden. Das hat aber nicht stattgefunden. Im Gegenteil: Das Laissez-faire des Wirtschaftsliberalismus hat uns – beschleunigt in den letzten 20 Jahren – ungleich verteiltes Einkommen, Armut, Hunger und eine zerstörte Umwelt gebracht. Aus ausgebeuteten Rohstoffen, kaputten Böden, Landraub und billiger Arbeit haben wenige ein riesiges Vermögen aufgebaut. Das unermesslich viele Geld, das die Notenbanken seit der Aufgabe des Prinzips der Bindung der Geldmenge an Gold und Warenmengen „gedruckt“ haben, ist in den Taschen der Reichen gelandet und in noch nicht zurückgezahlte, risikoreiche Kredite gesteckt worden, die die Ungleichverteilung zementieren. Von Sozialverantwortung des Eigentums und „sozialer Marktwirtschaft“, also dem Blick auf das Ganze und die Berücksichtigung des anderen, kann da keine Rede sein.

Der gute Bio-Mensch

Der Bio-Gedanke hat dagegen von Anfang an auch die soziale Dimension berücksichtigt, also vor allem gute Arbeit, Handwerk, ein gutes Auskommen, das nachhaltig ist. Arbeit statt übertriebener Mechanisierung. Die Natur zu schützen hat auch eine soziale Dimension. Faire Löhne und der Schutz kleiner Bauern, die naturgemäß produzieren, sind selbstverständlich. Dabei ist das Streben nach Gewinnen nicht vordergründig, aber auch nicht anzüglich, denn Gewinne schützen das Unternehmen. Der Unterschied bei der Betrachtung ist nur, dass die Vision von einer für alle lebenswerten Zukunft bei allem Handeln der Ur-Bios im Vordergrund stand – und nicht der persönliche Profit. Der kam dann von allein, weil viele Menschen gut fanden und finden, was die Bios machen.

Seit mehr als 25 Jahren stecke ich all meine Lebenskraft in Bio. Ich wollte immer alles anders machen als meine Vorväter, die nach dem Krieg eines der größten fleischverarbeitenden Unternehmen Europas aufgebaut haben. Während und nach meiner Zeit als Geschäftsführer unseres konsequent ökologisch-regionalen Familienunternehmens „Herrmannsdorfer“2 bei München, das heute sehr erfolgreich von meinem Bruder Karl geführt wird, habe ich in Japan, Syrien und Frankreich drei Menschen3 getroffen, die mir wie Väter waren und mir das Handwerkszeug für mein Leben geschenkt haben. Später habe ich mit Freunden die erste moderne Biosupermarktkette „basic – Bio-Genuss für alle“4 gegründet, von der es 28 Märkte in Deutschland und zwei in Österreich gibt.

Wir sogenannten Bios werden von einigen immer noch als die „Gutmenschen“ beschimpft, sehr wahrscheinlich, um ihre eigene rückwärtsgewandte Haltung zu verteidigen. Das hat mich ganz früher sehr verletzt, heute kann ich darüber nur schmunzeln. Der Wertewandel ist unaufhaltsam und wird auch diese Leute erfassen. Von den Bios erwartet man auch, dass sie immer hundertprozentig gut sind. Sie dürfen keine Fehler machen, zum Beispiel nicht zu McDonald’s gehen, nicht fliegen und nicht rauchen, und keine Leute aus Bulgarien anstellen, auch wenn sie die gleichen Löhne oder Gehälter bekommen. Sobald ein Bio-Apfel aus Neuseeland mit dem Schiff hertransportiert wird, heißt es gleich: Bio ist ja auch nicht besser. Den Maßstab, den einige an Bio angelegen, legt man natürlich nicht an sich selbst an. Und die Bios dürfen kein Geld verdienen. Früher haben sie tatsächlich kein Geld verdient. Vielleicht, weil sie immer an ihren Prinzipien festgehalten haben. Bio wurde mit einer antikapitalistischen Haltung gleichgesetzt. Das ist auch richtig, wenn man den ausbeuterischen Teil des Kapitalismus meint.

Ich selbst mache auch Fehler, lebe nicht immer „biologisch“, fahre viel zu oft mit dem Auto und fliege auch schon mal um die Welt. Vielleicht mache ich einiges besser, manches sicher auch nicht, ich trinke gerne Wein und rauche die eine oder andere (ökologische!) Zigarette. Ich bin ja schließlich auch ein Kind unserer Welt und unserer Zeit.

Eine sanfte Revolution

Ein Freund fragte mich: Kannst du nicht mal aufschreiben, wer die Bio-Pioniere sind und was sie tun und auszeichnet? Damit die Menschen sehen, wie sie leben und was sie antreibt? Damit die Vorurteile überdacht werden können? Und damit man sieht, dass Bio schön ist und glücklich macht? Das fand ich so gut, dass ich mir vorgenommen habe, die besten und interessantesten Bio-Leute in Europa ausfindig zu machen.

Es ist eine Reise geworden zu Menschen, die sich in den Wind gestellt haben. Sie sind Stellvertreter und Stellvertreterinnen für viele hundert weitere Bio-Bauern, -Verarbeiter und -Händler in ganz Europa, die verstanden haben, dass es so nicht weitergeht. Die ein tiefes Verständnis für die Natur und die Natur der Tiere pflegen und trotz vieler Widerstände aufrechterhalten. Auch will ich zeigen, dass man als Bauer oder Käserin oder Brauer oder Metzger sehr glücklich sein kann, wenn man sich aus dem konventionellen System verabschiedet und den Bio-Weg eingeschlagen hat. Nicht aus Geldmacherei, sondern mit einem tiefen Anliegen und einer tiefen Überzeugung. Sie werden sehen, dass alle gut verdienen und leben können, und das nachhaltig, weil sie, wie ich immer sage, „den Kunden haben“. Das ist für mich die erste Voraussetzung für Unabhängigkeit und Stabilität.

Meine Reise zu den Bio-Stars

21 Betriebe in zehn europäischen Ländern habe ich besucht. Zwei Monate war ich mit Kamera und Notizbuch unterwegs. Es war sicher eine der interessantesten Zeiten meines Lebens. Die Vorbereitungsphase, bei der mir Veneta Gantcheva-Jenn aus München hervorragend geholfen hat, war mit vielen Recherchen, Telefonaten, Briefeschreiben und konzeptionellem Planen ausgefüllt. Auch war es mir wichtig, möglichst viele Betriebsformen und Länder zu besuchen. Um einen Überblick zu haben, wie man die vielen Früchte Europas auch anders anbauen, verarbeiten und vermarkten kann, und um ganz unterschiedliche Menschen und ihre Überzeugungen in Wort und Bild „einzufangen“. Die Bedingungen in Andalusien in der Dehesa mit den Ibérico-Schweinen bei Ernestine Lüdecke und Hans-Gerd Neglein sind völlig andere als auf der Kalchkendlalm beim Brotbacken mit Roswitha Huber. In Dänemark habe ich ganz kleine, aber sehr wichtige Projekte wie den Schulgarten von Mogens Biune besucht. In Polen war ich bei Sebastiaan Huisman auf der Juchowo Farm. Das ist ein großer Demeter-Betrieb5 mit 360 Milchkühen und 2500 Hektar bewirtschaftetem Land, etwas völlig anderes als der kleine Ziegenbetrieb von Brigitte, Denis und Vincent Sauveplane in Südfrankreich. Bei Paul Walter, dem letzten Krabbenfischer von Sylt, habe ich öfters an die Riedenburger Brauerei von Michael Krieger im Altmühltal gedacht und mich gefragt, was diese beiden überzeugenden Protagonisten gemeinsam haben, und ich habe festgestellt, dass sie beide für die gleiche Sache kämpfen, nämlich für den Erhalt der Diversität in der Natur und für das ehrliche Handwerk ohne Chemie auf der Basis eines ehrbaren Kaufmannes. Bei jedem Projekt lehnt sich jemand gegen die Industrie, das System auf und zeigt dabei, dass man auch glücklich sein kann, wenn man andere nicht verdrängt, sondern seine ideale Größe sucht und findet, und nicht versucht, in den Himmel zu wachsen. Alle Betriebe, auf denen anders gearbeitet wird, sind wichtig, um Europa eine bessere Zukunft zu verleihen, egal ob ich sie besucht habe oder nicht. Und das Schöne und fast Unerwartete war, dass es allen ökonomisch sehr gut geht. Dass sie Stolz und Freude an ihrem Tun haben, nicht vergleichbar mit den manchmal sehr verzagten Äußerungen konventioneller Bauern.

Ich war auch auf Highgrove bei Prinz Charles in Südengland, der dort seit 30 Jahren Bio-Landbau betreibt. Er ist zwar nicht in meinem Buch vertreten, aber es ist mir wichtig zu erwähnen, dass er ein bedeutender Vorreiter für Großbritannien und die ganze Welt ist, denn er scheut sich nie, die Missstände in der Welt mutig anzusprechen. Ein nachdenklicher und sympathischer Mann mit einem ungeheuer tiefen Wissen, der sein Leben der Gesundung der Erde widmet.

Meistens bin ich auf den Höfen und Betrieben über eine, manchmal zwei Nächte geblieben, weil ich mich auf die Menschen richtig einlassen wollte, um alles genau zu erfahren. Oft kamen dann die persönlichen und fundamentalen Aussagen auch erst am zweiten Tag, nachdem man den ersten Nachmittag zum Verstehen des Faktischen und (immer!) den ersten gemeinsamen Abend zum gegenseitigen Kennenlernen genutzt hat. Immer waren es interessante und freundschaftliche Begegnungen, die Bios halten eben zusammen. Es war manchmal nicht ganz einfach, abwechselnd zu schreiben und zu fotografieren. Aber ich wollte nicht mit einem Fotografen aufschlagen, um die Begegnungen ganz persönlich zu halten.

Auf Mallorca war ich zweimal, beim Scouting dort hat mir Tom Gebhardt geholfen, der in Bunyola einen kleinen Naturkostladen betreibt. Er hat auch liebenswerterweise übersetzt. In Frankreich war mein Scout Bert van den Abele, ein alter Freund und Weinhändler, der in Südfrankreich lebt und ein feines Gespür für Qualität besitzt. In Skandinavien hat meine dänische Freundin Kille Enna, mit der ich 2011 ein Kochbuch geschrieben habe und die ich auch hier in meinem Buch porträtiere, mit mir über die guten Projekte diskutiert. Kille hat mich nach Knuthenlund in Dänemark und Ängavallen in Schweden begleitet.

Auf der Reise ist mir nicht nur klar geworden, dass alle meine „Bio-Stars“, wie ich sie immer nenne, ähnliche Erfahrungen im Leben gemacht haben, ähnlich die Probleme in der Welt analysieren, daraus ähnliche Lösungen für sich ableiten und ähnlich denken, sondern auch, dass sich Qualität immer auszahlt, wenn man sich gut organisiert und den Endkunden hat. Denn wenn man in der Lage ist, die Preise für seine Erzeugnisse selbst zu bestimmen und sie gegenüber den Menschen direkt zu vertreten, anstatt in den Sog der globalen Märkte zu geraten, ist eine wichtige Voraussetzung für Zufriedenheit und persönliches Glück erfüllt.

Dieses Buch soll ein positives Buch sein, das an Beispielen toller Leute Mut und Lust auf echte Qualität von Lebensmitteln und überhaupt Lebensqualität macht, auf Nähe, auf unsere eigene Region, auf Gemeinschaft vielleicht, auf alle Fälle aber auf Authentizität und Achtsamkeit.

Damit meine Bio-Stars als echte Alternative Raum bekommen, muss ich im Vorspann dieses Buches auch über die grausamen Seiten unseres industriellen Agrosystems sprechen. Wo wir uns selbst hinmanövriert haben. Hoffentlich haben Sie dafür Verständnis. Da sind einige Dinge zu beleuchten, die mir wichtig sind. Ein Zustandsbericht, der sicher nicht vollständig ist, aber meine Erfahrungen aus 25 Jahren beruflichen Lebens im Bio-Landbau und in der Bio-Verarbeitung widerspiegelt, insbesondere während meiner Tätigkeit in den Herrmannsdorfer Landwerkstätten sowie dem Einzelhandel mit Bio-Produkten in den basic-Bio-Supermärkten.

Small is Beautiful

Aus dem vorfindlichen und überkommenen System auszusteigen ist mutig und klug zugleich, und wenn alle das täten, wäre es sogar mehr als eine Revolution. Es wäre sehr wahrscheinlich unsere Rettung.

Allem voran steht: Wir müssen wegkommen vom Mehr-SchnellerGrößer, das ist schädlich für alle, und eigentlich wissen das auch alle. Aber wie sollen wir davon wegkommen? Instabile Monokulturen, wohin das Auge blickt! Profit über alles! Große Systeme sind anfällig. Das haben Ernst Friedrich Schumacher und Leopold Kohr schon vor Jahrzehnten an Beispielen gezeigt, und das hat in einfacher Sprache einer meiner Protagonisten in diesem Buch, Paul Walter, der letzte Krabbenfischer von Sylt, so formuliert: „Die Menschen müssen endlich erkennen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen können.“

Das agro-industrielle System, das wir uns in den letzten 50 Jahren geschaffen haben, hat uns bald an den Rand des Ruins gebracht. Es ist weder gut für Boden, Pflanzen und unsere Umwelt, noch für die Tiere, und am Ende auch nicht für uns Menschen. Es beutet aus, es macht uns krank, und am Ende verdienen nur die multinationalen Konzerne und deren Shareholder. Darüber gibt es schon viele Bücher, aber es lohnt, sich die Realität immer wieder vor Augen zu führen.

Wer sich heute die Mühe macht, in die globale Agrarhandelswelt hineinzuschauen, erlebt ein extrem kurzfristiges Denken und Handeln. Agrarprodukte von den Weltmärkten sind sogenannte Commodities, also Waren ohne Qualitätsunterscheidungen und ohne regionale Herkunftsauslobungen. Die großen Verarbeitungsunternehmen kaufen diese Rohstoffe täglich am Spotmarkt, zumeist in Rotterdam, und keiner hat eine Ahnung, wo diese Rohstoffe dieses Mal herkommen. Es macht umgekehrt extrem viel Mühe, die Rückverfolgbarkeit sicherzustellen, was ja eine Voraussetzung für die Garantie besserer Arbeitsbedingungen für die Bauern und Plantagenarbeiter, die Gewährung besserer Löhne und den Einsatz von weniger Pestiziden wäre. Ein paar wenige in der Industrie, wie zum Beispiel die Firma Mars, weltgrößter Süßwarenhersteller, machen sich heute die Mühe, Rückverfolgbarkeit herzustellen. Aber es kostet sie Jahre, ein System dafür aufzubauen, denn die globalen Marktsysteme sehen das nicht vor. Vielen Industrieunternehmen ist das aber einfach zu lästig.

Retro-Innovation

Diesen Begriff habe ich von meinem verstorbenen Freund Lionel Poilâne gelernt, und ich möchte ihn hier einführen, weil ich mit ihm verdeutlichen will, dass es meinen Protagonisten und mir nicht um einen verklärenden, romantisierenden Traditionalismus geht, sondern um eine echte Zukunftsperspektive für die Menschen in dieser Welt, also um etwas Vorwärtsgerichtetes. Lionels Geschichte muss deshalb hier erzählt werden.

Seit 150 Jahren gibt es eine kleine Bäckerei in der Rue du Cherche-Midi in Paris, wo schon die Vorfahren von Lionel eine kleine Bäckerei betrieben haben. Ein exquisites Brot aus Sauerteig, im Keller gebacken, im Laden im Erdgeschoß verkauft. Lionel wollte wachsen, er wusste aber genau, dass er mit der Errichtung einer Großbäckerei die Qualität seines Brotes verspielen würde. Das Geschick des Handwerkers, mit dem Sauerteig umzugehen, zu riechen, zu fühlen und zu schmecken, und der kleine Holzofen sind für die Qualität des Brotes maßgeblich. Messgeräte, also Zeitmessung, Temperaturmessung, Wassermengenzähler, wurden seit jeher nicht verwendet. Lionel wollte unter allen Umständen dieses handwerkliche Geschick und die Liebe seiner Mitarbeiter im Brot wiederfinden, also entschloss er sich, das Werkstatt-Prinzip von der Pariser Innenstadt auf die grüne Wiese zu bringen. Er baute 25 ähnliche Backstuben, in einem Kreis angeordnet, sodass in der Mitte der Nachschub an Brennholz und frisch gemahlenem Mehl gelagert werden konnte. In jeder Werkstatt arbeiten zwei Männer, es gibt bis heute keine Technik, keine Großbacköfen, keine Backmittel und keine Chemie. Genau diesen Vorgang hat Lionel Retro-Innovation genannt: Retro steht für die Tatsache, dass man genau bis zu dem Punkt in der Brotbackwelt zurückgeht, an dem Qualität noch möglich war, also keine Zurückgewandtheit, sondern clevere Analyse der Ist-Situation. Die Innovation ist hier, dass man das handwerkliche Prinzip multipliziert – völlig gegen die „normale“ Logik der Industrie. Übrigens: Lionels Tochter Apollonia führt das Geschäft in Lionels Sinn weiter. Das Pain Poilâne wird in die ganze Welt verschickt, da es durch die lange Sauerteigführung extrem haltbar ist. Poilâne ist Vorbild für eine ganze Generation von Bäckern geworden.

Ingenieursdenken bestimmt die Welt

Die Gegenwart ist von einem enormen Perfektions- und Effizienzglauben geprägt. Schaut man mit unscharfem Blick auf die Lebensmittelwirtschaft, muss der Eindruck entstehen, dass wir alles im Griff haben: Die Regale sind immer voll, die Auswahl ist riesig, die Qualität der Produkte ist immer gleich, alles ist immer und überall verfügbar, zumindest in den Industrieländern. Hinter den schönen Etiketten ist aber die Wahrheit verborgen, und sie lugt manchmal und immer öfter dahinter hervor. Marketingfachleute zeichnen in jeder Hinsicht ein buntes Bild. Hinter dieser Perfektion steht eine riesige Logistik-Maschinerie, die inzwischen die ganze Welt umspannt. Dabei nehmen die Warenströme zu. Allein in Deutschland haben sich in den letzten fünf Jahren die „Tonnenkilometer“, also die Warenmenge, die insgesamt über Deutschlands Straßen transportiert wird, um etwa 30 Prozent erhöht. Von der Vergrößerung der Infrastruktur, die dafür nötig ist, ganz zu schweigen. Der kurzfristige Effizienzgedanke und das Ingenieursbild von heute, das eine absolute Vorhersehbarkeit der Ereignisse wünscht, hat eine Reduktion der Sicht auf die Welt und auf ihre natürlichen Regelmechanismen zur Folge, und diese Reduktion ist fatal. Fast die ganze Wissenschaft ist davon durchzogen. Was am Anfang wie ein guter Plan aussieht, wird in dem Moment, in dem er in die Realität umgesetzt wird, oft zum Desaster. Das eindrücklichste Beispiel hierfür ist die gut gemeinte Idee der Biogasanlagen, die zu einem echten Umweltproblem geworden sind, weil sie Monokultur und agro-industriellen Unsinn fördern, Transportaufwand für zumeist Mais erhöhen und auch im Betrieb nicht klimaneutral funktionieren. Die Gesamtrechnung geht nicht auf. Auch die Grünen haben da nicht aufgepasst.

Auch das Bildungswesen ist dem Reduktionismus zum Opfer gefallen. Unsere jungen Menschen lernen heute, wie sie in Zukunft zum falschen System beitragen können. Die Bildung wird verwissenschaftlicht und technokratisiert. Intuition, Weitsicht und menschliches Maß werden nicht gelehrt. Humanismus ist zum Fremdwort mutiert. Im neuen Film des österreichischen Dokumentarfilmers Erwin Wagenhofer „alphabet – Angst oder Liebe“ wird das drastisch deutlich. „Die politisch und wirtschaftlich Mächtigen wurden an den besten Schulen und Universitäten ausgebildet. Ihre Ratlosigkeit ist deutlich zu spüren, und an die Stelle einer langfristigen Perspektive ist kurzatmiger Aktionismus getreten“, schreibt Wagenhofer in seiner Story zum Film. Er zeigt, dass „die Grenzen unseres Denkens von Kindheit an zu eng gesteckt wurden“. Die Schule ist zwar freier geworden, der Drill ist weg, aber die Inhalte spiegeln die alten normierten Standards wider, die aus der Frühzeit des Industrialismus stammen. „Leistung als Fetisch der Wettbewerbsgesellschaft ist weltweit zum Maß aller Dinge geworden.“

Was hemmt die Entwicklung?

Natürlich ist es nicht so leicht, die Strukturen, die in 50, vielleicht 150 Jahren geschaffen wurden, zu verändern oder zum Beispiel durch Retro-Innovationen umzulenken. „Es hat sich einfach so entwickelt, und das war ja nicht schlecht, wir haben eine große Auswahl an Lebensmitteln, Sicherheit, niedrige Preise“, loben die Alten – und oft auch die Jungen – ihre Errungenschaften. Change is not easy, das habe ich bei der Firma Herta, dem 116 Jahre alten Betrieb meiner Familie, gesehen. Dieses große „Schlachtschiff“, der damals größte fleischverarbeitende Betrieb Europas, ließ sich aus damaliger Sicht nicht ökologisieren, das hätte er wohl nicht ausgehalten. Zu gefestigt waren die Strukturen, von denen Tausende von Bauern sowie Mitarbeiter abhängig waren. Auch deshalb hat mein Vater das Unternehmen 1985 an Nestlé verkauft.

Den Veränderungen steht oft auch der Stolz über das Erreichte im Weg, die Dankbarkeit für den erlangten „Wohlstand“ – der leider auf fremde Kosten geschaffen wurde. In der Industrie sind die Margen entweder zu gering, um ein Risiko gegenüber den Shareholdern eingehen zu können, oder zu hoch, und man will sich ungern „verschlechtern“. Also werden die Dinge, wie sie sind, auf Gedeih und Verderb erhalten. Mit immer mehr technokratisch-künstlichen Mitteln und Preisdruck versucht man die Maschinerie am Laufen zu halten. Viele traditionelle Unternehmen kämpfen ums Überleben, der Verdrängungskampf in einer übersatten Gesellschaft trägt das Übrige dazu bei. Noch stehen viele Manager stolz auf ihren Kommandobrücken und beschwören die alten Zeiten: mit Pauken und Trompeten in den Untergang. Aber der Wertewandel in der Gesellschaft ist in vollem Gange. Selbstbestimmung und Sicherheit sind zentrale Bedürfnisse geworden – ein Trend, der durch die Finanzkrise, durch die Reaktorkatastrophe in Fukushima, durch Lebensmittel- und die aktuellen Datenschutzskandale noch verstärkt wurde. Die Menschen verstehen zunehmend, welch fatale Folgen der Klimawandel hat und wie die globalen Märkte das Schicksal der Menschen beispielsweise in Afrika beeinflussen. Es entstehen neue Wertvorstellungen und mit ihnen neue Lebensstile, die durch verändertes Handeln sichtbar werden. Das zunehmende Bewusstsein für die Umwelt, für Soziales und die Begrenztheit wirtschaftlichen Wachstums wird durch die weltweite Online-Vernetzung enorm befördert.

Zeit ist Geld

Die Möglichkeit, auf Veränderungen schnell reagieren zu können, steht bei den Technokraten ganz oben. Da verliert man rasch den Blick aufs Ganze und auf die Grundfehler im selbst errichteten System. Wenn beispielsweise der Verarbeitungsprozess in der Industriebäckerei nicht gut läuft, wird der Weizen aus den USA importiert, weil der einen höheren Eiweißgehalt hat.

In den fleischverarbeitenden Betrieben, die industriell und effizient arbeiten, wird auch keine Qualität mehr erzeugt, weil immer alles ganz schnell gehen muss. Eine Rohwurst muss in einer Woche fertig sein. Das, was bei einer Naturreifung sechs Wochen dauert, wird mithilfe von Schnellreifemitteln und Säure in kurzer Zeit erzeugt. Aber es ist nicht mehr das Gleiche: Alle industriell gefertigten Salamis auf der ganzen Welt schmecken im Prinzip gleich – und zumeist auch noch sauer.

„Time is Money“, dieser von Benjamin Franklin 1748 geprägte kurze Satz hat die Welt durch die letzten 250 Jahre begleitet. Die ganze Wirtschaftsdenke basiert darauf, denn Geld wurde mit Zeiteinheiten relativiert, umgekehrt die Zeit in Geld ausgedrückt, Umsatz pro Monat und Jahr, Jahresergebnis oder Output pro Minute, so, als ob es keine anderen Parameter gäbe, wirtschaftliche Aktivitäten zu bewerten. Ich denke, man sollte, um das Wirtschaften zu beurteilen, neben die wirtschaftlichen Messgrößen auch soziale, ökologische und kulturelle Faktoren stellen: Wie steht es um die Verteilung der Einkommen in einer Gesellschaft oder auch in einem Betrieb? Also die Betrachtung der guten alten Lohn- und Gewinnquote beispielsweise, die die Entwicklung der Verteilung der Einkommen in einem Staat anzeigt. Oder das Wievielfache ein Manager im Vergleich zum Durchschnitt seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen verdient. Eine Quote von 1:10 ist da eher die unterste Grenze, nach oben ist sie extrem offen! Diese Parameter und weitere finden mehr und mehr Beachtung. Manche Unternehmen nehmen sie bereits in ihre Nachhaltigkeitsberichte auf, wie zum Beispiel Toyota, andere wie BMW und Mercedes Benz hingegen lassen kritische Fragen einfach an sich abperlen. In einer Zeit, in der Unternehmen teilweise größer und mächtiger sind als Nationalstaaten, stellt sich die dringliche Frage, ob sich Unternehmen und Manager jemals grundlegend ändern werden.

Menschenrecht auf Nahrung

Die Verteilung der Einkommen in der Welt lässt sich eindrücklich an zwei Zahlen zum Ausdruck bringen: Eine Milliarde Menschen hungert, eine Milliarde leidet an Übergewicht. In Afrika hungern 35 Prozent der Menschen, 600 Millionen sind es in Asien. „Die Kommissare in Brüssel sind verantwortlich für den Hunger in Afrika“, sagt Jean Ziegler, ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Die, wie er sie nennt, liberale Marktideologie der EU hätte zu „Agrardumping“ geführt, das nun den afrikanischen Kontinent hungern lasse. Auch Konzerne sollten angewiesen werden, das universelle Menschenrecht auf Nahrung, das sich aus Artikel 25 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ ergibt, durchzusetzen. Mit dem Chef des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé, Peter Brabeck, geht er hart ins Gericht: „Shareholder Value ist strukturelle Gewalt.“ Ziegler sagt, dass Deutschland die vitalste Demokratie dieses Kontinents sei – sie könnte alles Brutale brechen, zum Beispiel die Spekulation auf Grundnahrungsmittelpreise, die insbesondere von der UBS betrieben wird. Der Hunger in der Welt ist also ein Verteilungsproblem und kein generelles Nahrungsverfügbarkeitsproblem. Manche Bio-Kritiker behaupten ja immer noch steif und fest, Bio habe keine Bedeutung, solange es noch Hunger auf der Welt gibt.

Rohstoffausbeutung

Nur am Rande: Ein wichtiger Parameter bei der Bewertung wirtschaftlicher Aktivitäten wäre der einer gerechten Verteilung der natürlichen Ressourcen. Um Rohstoffe, wie beispielsweise Coltan, das zur Herstellung von Computern und Mobiltelefonen notwendig ist, wurden schon Kriege geführt, wie jener im Ostkongo, der in zehn Jahren 6 Millionen Tote gefordert hat. Wie sollen wir den Preis der Mobiltelefone und Smartphones errechnen? Sie wären unbezahlbar. Oder das viele Blut, das in den zahlreichen Bürgerkriegen um Enteignung von Boden vergossen wurde. Es wird nicht in die Bilanzen eingerechnet.

Oft wird behauptet, die Probleme seien viel zu komplex und kompliziert zu lösen, aber ob das wirklich stimmt? „Nicht die Probleme sind kompliziert, sondern unsere eigene Verstrickung ist es“, schreibt der Schweizer Buchautor und Dramaturg Lukas Bärfuss in seinem Vorwort zum Buch „Rohstoff – das gefährlichste Geschäft der Schweiz“. Und das gilt natürlich nicht nur für die Schweiz.

Land Grabbing

Land Grabbing, auf Deutsch Landraub, meint den großflächigen Aufkauf von fruchtbaren Böden vor allem in Ländern des Südens durch Großinvestoren, und zwar gegen den Willen der ansässigen Bevölkerung, die nicht am Prozess gleichberechtigt beteiligt ist, und gegen internationale Minderheiten- und Menschenrechte. Seit der Finanzkrise 2008/09 ist fruchtbarer Boden weltweit begehrt. Vor drei Jahren hat man der Deutschen Bank vorgeworfen, sie würde sich über ihre Fondsgesellschaft DWS an Firmen beteiligen, die Land Grabbing betreiben. So ist etwa der thailändische Zuckerkonzern KSL, an dem die DWS Anteile hielt, für den massiven und brutalen Landraub in Kambodscha verantwortlich, wo 400 Bauernfamilien mit Waffengewalt von ihren angestammten Reisfeldern vertrieben wurden. Diese Bauern sind bis heute nicht angemessen entschädigt worden. Zu Kolonialzeiten gab es ähnliche Phänomene, heute ist vor allem die internationale Finanz- und Agrarindustrie daran beteiligt. Angetrieben wird Land Grabbing durch die staatliche Förderung von Sprit und Sprit-Beimischungen aus Agrarrohstoffen wie Zuckerrohr und Palmöl, die importiert werden, aber auch durch den massiven Preisanstieg bei den Grundnahrungsmitteln und den weltweiten Anstieg des Fleischkonsums und dem damit einhergehenden Weideflächen- und Ackerlandbedarf. Die Bodenpreise schießen in die Höhe, hierzulande auch durch die Subventionierung von Biogas und Biosprit.

Auch staatliche Konzerne beteiligen sich am Landraub. Saudische und indische Staatsfirmen kauften zum Beispiel in Äthiopien Hunderttausende Hektar Land. Während der Hungerkrise im Jahre 2011 entstand in Äthiopien die absurde Situation, dass in den betroffenen Regionen gleichzeitig Millionen von Tonnen an Lebensmitteln für den Export erzeugt wurden.

Fruchtbares Ackerland und Waldgebiete sind am meisten von Landraub betroffen, auch wenn die Investoren immer behaupten, es handle sich zumeist um nicht genutztes Land. Ein Drittel der Landgeschäfte, die aktuell etwa 200 Millionen Hektar ausmachen, betreffen Waldgebiete. Durch das Abholzen wird massenhaft CO2 freigesetzt und die Artenvielfalt zerstört.

Die Konzerne bauen auf riesigen Flächen Palmöl an, zum Beispiel in Indonesien im Regenwald, der dafür abgeholzt wurde, insgesamt 9 Millionen Hektar Palmöl-Plantagen, oder im Kongo, dort „nur“ 70.000 Hektar mitten im Regenwald, durch die italienische Firma ENI. Hedgefonds und Investmentfonds, die früher nie in die Landwirtschaft investiert haben, tun das nun wegen der zu erwartenden hohen Renditen – mit dramatischen Folgen für Mensch und Natur. Hedgefonds und Investmentfonds besitzen in Afrika 41 Millionen Hektar Land. Und gleichzeitig hungern die Menschen in Mali, erklärt Jean Ziegler, nur 25 Prozent der Frauen dort haben aufgrund mangelhafter Ernährung genug Milch, und diese Mangelernährung zerstöre bei vielen Kindern bereits im Mutterleib die Hirnzellen, sodass sie als Invaliden auf die Welt kommen. Drastischer kann man die Ungleichverteilung von Chancen nicht erklären. Ziegler spricht von einer kannibalischen Weltordnung.

Patent auf Leben

Typisch für die industrielle Landwirtschaft der großen Agrarkonzerne wie Cargill und die Saatgut- und Pestizidkonzerne wie Monsanto, Pioneer, Bayer und Syngenta sind riesige Monokulturen sowie der exzessive Einsatz von Chemikalien und genetisch modifiziertem Saatgut. Drei Agrargiganten – Monsanto, DuPont (Pioneer) und Syngenta – beherrschen heute etwa 50 Prozent des weltweiten Saatgutmarktes. Nicht vermehrbares Saatgut beutet die Bauern in Schwellen- und Entwicklungsländern aufs schamloseste aus. Die industrielle Landwirtschaft ist – aufs Ganze gesehen – völlig ineffizient, wenn man Effizienz als den Faktor zwischen Input und Output definiert. Für eine Kalorie in Industrienahrung müssen zehn bis zwanzig Kalorien eingesetzt werden: ölintensive Landwirtschaft, ölintensive Verpackung, ölintensiver Transport, ölintensive Lagerung. Und die Agrarindustrie wird reicher und reicher. Sie erfindet seit 60 Jahren anfällige Pflanzen, um dann mit den ebenfalls von ihr entwickelten Chemiekeulen noch mehr Geld verdienen zu können.

Fast alle Forschungsgelder der Welt gehen heute in die konventionelle Agrarforschung, nur Peanuts in die Erforschung des Bio-Landbaus und die nachhaltige Entwicklung des Agrar- und Ernährungssektors. Alle Staaten, auch Deutschland und Österreich, haben die Forschung an die Industrie abgegeben. Diese beherrschen mit ihren Patenten die Agrarwelt und beuten die Bauern aus. Die Konzerne machen erst die Böden, Pflanzen und Tiere krank – und dann die Menschen, sagen unabhängige Agronomen. Die Böden werden immer mehr ausgelaugt, der Humusgehalt sinkt unaufhörlich, und zwar jedes Jahr um 1 Prozent im Weltdurchschnitt! Bei momentan 4000 Tonnen Erde pro Hektar Land gehen jedes Jahr 40 Tonnen verloren. Die Böden werden durch die Agroindustrie immer mehr entwertet, bis sie verschlammen und auf kurz oder lang im Meer enden. Das sehen die staatlichen Behörden nicht, wenn sie ihre Forschungsgelder verteilen. Das Geld – unsere Steuergelder – wird nicht dazu verwendet, unabhängiger und mittelfristig krisenfest zu werden, sondern treibt uns immer noch mehr in die entgegengesetzte Richtung und in die Krise hinein. Das ganze System ist obendrein in allerhöchstem Maße von Öl und Gas abhängig.

Vom Erdöl abhängig

25 Prozent der Treibhausgase werden durch die industrielle Landwirtschaft verursacht, 40 Prozent sind es, rechnet man die CO2-Freisetzung durch den weltumspannenden Transport dieser Güter hinzu! Wir sind heute, wenn es um unsere Ernährung geht, komplett abhängig von Öl und Gas. Doch was passiert, wenn es zu unerwarteten Preisschwankungen und Lieferengpässen kommt? Wie können wir uns davor schützen? Wie sieht die Landwirtschaft ohne Öl und Gas eigentlich aus, wenn „Peak Oil“ eingetreten ist, also die Ära des billigen Öls zu Ende ist? Die Landwirtschaft wird aufgrund der abnehmenden Fruchtbarkeit der Böden immer intensiver: immer mehr Kunstdünger aus Erdöl, immer mehr „Pflanzenschutzmittel“ aus schädlicher Chemie – wo führt das hin? Es wird langsam klar, dass die Weltbevölkerung mit der chemischen Landwirtschaft nicht mehr ernährt werden kann.

Biosprit ist unter keinen Umständen klimaneutral, das haben 168 Wissenschaftler schon 2011 in einem offenen Brief an die EU konstatiert. Und Biogas ist es auch nicht: Allein der massiv gestiegene Transport von Futter für diese gefräßigen Anlagen wiegt den Vorteil bei weitem wieder auf. Nur ein System, das mit Abfällen auskommt und diese zu wertvollem Agrogas oder Agrosprit macht, ist klimaneutral, verhindert Nahrungsmittelkonkurrenz und ist überlebensfähig. Upgrading von Abfällen statt Downgrading von wertvollen Lebensmitteln.

Ausbeutung der Bauern

Die Bauern bekommen heute nur noch einen Bruchteil des Enderlöses eines Lebensmittels. Hier ist die Schere in den vergangenen 20 Jahren noch einmal deutlich aufgegangen, speziell in den Schwellenländern. Ich selbst war an der Elfenbeinküste und habe mit eigenen Augen gesehen, wie korrupt die Kakaohändler sind und wie sie die hilflosen Bauern über den Tisch ziehen, weil diese von ihnen abhängig sind. Die Lebensumstände sind miserabel, und dann kommen auch noch die europäischen Chemiefirmen und verkaufen den Bauern teure Pestizide, die in Europa längst verboten sind, und mit deren Gefahren sie kaum umgehen können. Die lokalen Märkte müssen sich zwanghaft in die globalen Märkte einfügen, und so passiert es, dass die Bauern ihre Preise nicht mehr selbst bestimmen können.

Nur eine lokale Vernetzung führt heraus aus dieser unwürdigen Situation. Die Bauern müssen die Preise für ihre Waren wieder selbst bestimmen können, und dazu müssen sie wieder näher heran an die Kunden, direkter oder am besten direkt vermarkten: sich zusammenschließen, gemeinsam mit den Verarbeitern und den Händlern Märkte aufbauen, aus der Isolation heraustreten. So machen es meine Bio-Stars, ihnen ist das Kunststück gelungen.

„Verarmung“ des ländlichen Raumes