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Tarek Leitner · Mut zur Schönheit

Tarek Leitner

MUT ZUR SCHÖNHEIT

Streitschrift gegen
die Verschandelung Österreichs

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Inhalt

Eine Fahrt ins Grüne

ÜBER EINE REISE VON WIEN
INS SALZKAMMERGUT

I
Scheinwelt mit Sehhilfe

WAS WIR WAHRNEHMEN (WOLLEN)

Schönheit und ihr Gegenteil · Schönheit und ihr Streit
Schönheit und ihre Schönheit · Schönheit und ihre Technik
Schönheit und ihre Fassade

II
Einengung der Toleranzgrenze

DÜRFEN WIR UNS EMPÖREN?

Leben mit Fragmenten · Gefangen in Möglichkeiten
Erpresst von Nützlichkeiten

III
Der Preis der Wirtschaft

WIE UNSER LEBENSRAUM GEHANDELT WIRD

Gebaute Tabellen · Berechneter Alltag
Zentriertes Kaufen · Erlebtes Geld · Markierte Welten
Falsche Größen

IV
Verlust und Ersatz

WAS WIR VERLOREN UND BEKOMMEN HABEN

Verlust 1: Erzählung · Verlust 2: Geschichte
Ersatz 1: Transiträume · Ersatz 2: Umfahrungsstraßen
Ersatz 3: Niemandsland · Ersatz 4: Lärmschutzwände
Ersatz 5: Hybridräume · Verlust 3: Alpen

V
Täter und Tatorte

WER UNSERE UMGEBUNG
SO HÄSSLICH WERDEN LÄSST

Häuslbauer · Immobilienentwickler
Investoren · Privatisierer

Exkurs
Schönheit von oben

WAS UNS HERRSCHAFTSARCHITEKTUR SAGT

Braune Bauten · Schwarze Bauten · Rote Bauten

VI
Wunsch versus Wirklichkeit

WAS TUN?

Angriff der Begriffe

POSTSKRIPTUM

Anmerkungen

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EINE FAHRT INS GRÜNE

Über eine Reise
von Wien ins Salzkammergut

Kurz vor Aufbruch ins Salzkammergut gefällt es Klaus S. zu Hause immer am besten. Dann will er eigentlich gar nicht weg, sondern lieber in Wien bleiben. Aber er hat sich bei vielen angekündigt. Also packt er am Nachmittag seiner Abreise die Koffer. Wie viele seiner Branchenkollegen bewohnt er gediegenen Altbau in einem Wiener Gründerzeithaus, gemietet. Einen Stock tiefer hat er sein Architekturbüro. Es macht ihn nicht reich, aber von den Dachbodenausbauten, Geschäftseinrichtungen und vor allem von den zwei Wohnblocks zuletzt, mit geförderten Eigentumswohnungen, kann er ganz gut leben. Sein Geschmack ist das alles ja nicht unbedingt. Den hat er aber zumindest in der eigenen Wohnung und in seinem Büro umsetzen können. Ein Altbau, kombiniert mit klassisch-modernem Design, ist auch für den Nicht-Stararchitekten unabdingbar, meint er – und dieser Stil liegt ihm. Allen eigentlich, die er so kennt und sich bei den selben Cocktailpartys herumtreiben. Jetzt, mit der Aussicht, diese schöne Umgebung für drei Wochen verlassen zu müssen, gefällt sie ihm – wieder einmal – umso besser. Anstatt weiter einzupacken, streift er durch die Räume, die er – wie ihm erscheint – viel zu selten bewusst erlebt, belebt und bewohnt. Wie oft liegt er schon auf seiner Corbusier-Liege und lässt seinen Blick über die Stuckdecke streifen, um darin all die Figuren und allegorischen Motive zu entdecken? Dafür ist aber auch jetztkeine Zeit. Er wird in drei Stunden erwartet und lässt die getäfelte Flügeltür hinter sich ins Schloss fallen. Schönheit, ade.

So unpraktisch ist das natürlich nicht, dass es endlich einen neuen Lift gibt, mit dem man jetzt auch hinunterfahren kann. Der alte Jugendstil-Fahrgastkorb, in den man trotz entsprechender Vorrichtung zwar schon lange keine Schilling-Münze mehr einwerfen musste, hatte dennoch nur mehr musealen Charakter – und es war streng untersagt, sich damit abwärts zu bewegen. Der neue Liftschacht allerdings verstellt jetzt den Blick auf das prächtige Stiegenhaus. Und die Baumarkt-Fliesen, mit denen nach den Umbauarbeiten die ausgebrochenen reich verzierten Steinzeugfliesen ersetzt worden sind, entsprechen auch nicht seinem Sinn für ein Ensemble. Aber man gewöhnt sich daran oder verdrängt es. Denn, wie gesagt, praktisch ist das alles. Sehr sogar, seit der Lift im Erdgeschoss direkt in die neuen Garagen führt. Vier Autostellplätz sind letztes Jahr vom Eigentümer dort errichtet worden. Einen konnte sich Klaus S. sichern – er bezahlt dafür pro Quadratmeter ein Vielfaches seiner Wohnungsmiete. Das Geschäftslokal, das einst dort war, hätte eine etwas geringere Quadratmeterrendite gebracht. Die schöne Auslagenfassade ist daher einem Rolltor gewichen. Es hat natürlich ein wenig mehr als die Auslagenfassade abgebrochen werden müssen, eigentlich fast die gesamte Straßenfassade des Hauses, aber es gibt jetzt eine kleine Ampel an den Garageneinfahrten, damit der Transitverkehr über den Gehsteig reibungslos verläuft. Man hat rasch zuschlagen müssen, die Parkplätze waren schnell weg.

Es gibt eben sehr viele Autos in dieser Stadt, und die brauchen ihre Fläche, weil sie meistens stehen – statistisch durchschnittlich 23 Stunden pro Tag. So wie jetzt, als sich Klaus S. mit hunderten auf der Wienzeile staut, entlang der schönen Flussverbauung von Otto Wagner. Rechts ist eine große Tankstelle (wichtige Infrastruktur wie die Flussverbauung, aber in ganz anderem Stil) und gleich daran anschließend – auch nicht unpraktisch – eine große Fastfoodkette. Man muss auf seiner Reise nicht einmal wirklich haltmachen, um dort Proviant einzukaufen. In mehreren Spuren kann man sich einreihen und an einer Lautsprecherbox bei einer anonym bleibenden Person Burger ordern.

Er isst ihn so unbewusst und beiläufig, wie die Baumärkte und Möbelhäuser an seiner Seite vorbeiziehen. Wieder sehr praktisch: Eines hat einen überdimensional großen roten Sessel mitten in die Landschaft gestellt. Es ist also auch den Schriftunkundigen einigermaßen klar, was hier wohl verkauft wird. Viele andere Firmen entlang der Autobahn sind noch nicht so weit. Die montieren auf den Feldern der Bauern, wenn dort nicht gerade ein paar riesige Windräder stehen und an wen auch immer rote Warnsignale senden, klassische Leuchttafeln mit Aufschriften. Groß genug und auf hohen Masten angebracht, damit sie über jede bunte Lärmschutzwand ragen. Da taucht sogar wieder ein ungeheuer großes gelbes „M“ am Horizont auf. Aber das löst bei Klaus S. nach seinem letzten Stopp an der Stadtausfahrt keinen Reiz mehr aus.

Irgendwann einmal kommt aber dann doch das Gefühl auf, endlich den urbanen Raum zu verlassen, der sich länger als jede Stadt entlang seiner Reiseroute erstreckt. Es ist bei ihm gleichsam am Tor zum Salzkammgut, das er natürlich auch deshalb aufsucht, weil er aufs Land will. Hier sieht er sogar Bauernhöfe: große Vierkanthöfe, deren letzter Zweck ist, zur Gänze als Werbefläche zu dienen. So wie ein großer weißer Blechblock, der dort steht, wo er früher immer zum ersten Mal einen freien Blick auf den majestätischen Traunstein hatte. Es sei ein Zentrallager, wie die Aufschrift verrät, die nachts auch immer gut beleuchtet ist, damit man sich darauf auf den Kilometern, bis man es tatsächlich erreicht hat, auch einstellen kann. Dass dieses Lager „XXXL“ ist, hätte man an der Fassade aber eigentlich nicht unbedingt vermerken müssen. Es ist eben jetzt ein anderer Landmark als der Berg, der ihm anzeigt, nicht mehr weit an sein Ziel zu haben. Einige Minuten noch, bis er an der richtigen Autobahnabfahrt ist. Hier werben die Konzerne kulturell schon mehr angepasst: Die überdimensionalen Träger für die Werbeaufschriften sind in dieser Gegend aufgetürmte gepresste Heuballen.

Auch hier wieder sehr praktisch: Es gibt eine neue, noch besser gelegene Autobahnabfahrt zu seinem Ziel. Dafür sind vor einigen Jahren zwar mehrere Hektar Landschaft in einen Autobahnknoten verwandelt worden, aber es erspart die Fahrt durch eine Gemeinde, die noch am Weg gelegen wäre, oder zumindest die Umfahrungsstraße am Rande dieses Orts – und damit fast zwei Minuten. Das ist schon was, nach mittlerweile zweieinhalb Stunden Fahrt.

Langsam nähert sich Klaus S. der letzten Hauptstadt, an der er vorbei muss: der Bezirkshauptstadt Gmunden. Und was rund um kleine Waldviertler Dörfer nicht fehlen darf, kündigt auch hier ein Wald bunter schlanker Fahnen an: Der Charme von Los Angeles zieht sich kilometerweit vor und nach dieser Stadt: in einer Wiederholung von Autohäusern, Baumärkten, Fastfoodrestaurants und Diskontmärkten – das Logo einer jeden Firma weht vielfach vor den leeren Parkplatzwüsten. Nur die Nagelstudios aus L. A. fehlen.

Die Betonspirale als Auffahrt in das Parkhaus eines um diese Uhrzeit längst geschlossenen Supermarkts ist grellgrün beleuchtet. Sie gleicht einem überdimensionierten Gmundner Keramik-Häferl und erinnert ihn daran, abends noch eine Tasse Tee zu nehmen.

Obwohl all die Unternehmen hier nicht mehr geöffnet haben, überstrahlen sie mit ihrer nächtlichen Beleuchtung alles, was S. in der Umgebung allenfalls hätte erkennen können, und drängen sich brutal in das Wahrnehmungsfeld eines jeden Vorbeifahrenden. Auch die Nacht kann also keinen Schleier mehr über diese geballte Hässlichkeit breiten. Da sehnt er sich dann den Winter herbei, der es an manchen Tagen für einige Stunden schafft, die Scheußlichkeiten zuzudecken und der Umgebung auf dem Weg an sein Ziel ein idyllisches Antlitz verleiht – ohne dass er Abstriche machen und seine Perspektive auf das Schöne so sehr verengen müsste.

Würde er mit verbunden Augen hierher gebracht werden, wähnte er sich an einer Kreuzung in der Shopping-City-Süd. Die Standardisierung all dieser Gebäude hat zur Folge, dass sie in keinem Kontext zu ihrer Umwelt stehen. Aber eine dazu passende Umwelt gibt es auch gar nicht. So großflächige Scheußlichkeit sollte ihn auf seinen letzten Kilometern jedenfalls nicht mehr erwarten.

Die Bausteine der Hässlichkeit sind hier kleiner: Auf dem letzten Hang, der die Bundesstraße zum Traunsee hinunterführt und von der man einen wunderbaren Blick über den See und die dahinter liegenden Berge haben könnte, wenn nicht auch hier eine Brücke die Perspektive zerschneiden würde – auf diesem Hang hat sich neulich jemand ein gar nicht so kleines (und wohl auch gar nicht so billiges) Haus gebaut. Ohne Zweifel eine der schönsten Hanglagen mit Ausblick in der Region – wäre da nicht die Lärmschutzwand, die der Liegenschaftseigentümer offenbar ganz freiwillig rund um sein Haus gezogen hat: so hoch wie sein Gebäude, eingefriedet wie eine Ritterburg. Ein solcher Ausblick ließe sich in der wenig entfernten Business-Development-Area in Gmunden um einen Bruchteil des Kaufpreises haben. Andererseits, Klaus S. hat Respekt vor diesem Häuslbauer: immerhin einer, der nicht alle Entscheidungen in Zusammenhang mit seiner Lebensumgebung der Wirtschaftlichkeit unterordnet.

In Bad Ischl hat er Richtung Pötschenpass abzuzweigen, wo er mit seinem Auto Über- und Unterführungen nimmt, auf einer Kreuzungslandschaft, in die ein Autobahnknoten an der Südosttangente hineinpassen würde. Eine schöne alte Salzkammergutvilla mit Turm hat einen unverbaubaren Ausblick auf dieses Ungetüm. Sie heißt noch immer „Dachsteinblick“. Einst hatte sie übrigens eine noch bessere Lage, denn bis vor sieben oder acht Jahren hat sich eine Autominute entfernt ein Einkaufscenter befunden, ein KGM-Markt. Danach sind in den schon einige Verfallserscheinungen zeigenden Wellblech-Bau vorübergehend Billigmöbel- und Ramschtextil-Ketten eingezogen. Jetzt steht die verrostende Ruine – immerhin unbeleuchtet, als S. vorbeifährt – schon jahrelang leer.

Um sich für all das schadlos zu halten, nimmt Klaus S. auf dem letzten Stück nicht die Bundes-, sondern die alte Dorfstraße durch den kleinen Ort Laufen, der von den Land-schafts- und Ortsbildzerstörern offenbar vergessen worden ist.

Unmittelbar vor Bad Goisern (am Hallstätter See, wie es neuerdings im Zusatz heißt, um die Schönheit des Weltkulturerbeortes im Namen mitschwingen zu lassen) mündet die kurze persönliche „Umfahrung“ von Klaus S. wieder auf die Hauptstraße. An dieser Stelle gab es früher eine Tankstelle. Sie wird zwar nicht mehr gebraucht, aber auch nicht abgerissen. Eine Imbiss-Station ist im ehemaligen Kassenraum eingezogen. Der große Vorbau, unter dem einst die Zapfsäulen gestanden sind, ist gelb angestrichen; wie praktisch: Man wird gar nicht nass, falls man einmal im Regen dieses wohl ungemütlichste Lokal in der Gegend aufsuchen will. Klaus S. will das bei keinem Wetter. Außerdem ist er so gut wie am Ziel. Einer der vielen Überkopfwegweiser, der die Straße am Rande der kleinen Gemeinde überspannt, kündigt ihm neben diversen kulturellen Schönheiten des Ortes die „Abfahrt Bad Goisern Süd“ an. Quasi „last exit“, dann kommt der See.

Zumindest sein seit Jahren geliebtes Feriendomizil schien ihm in seiner Schönheit unangreifbar: Die unmittelbare Umgebung ist schon verbaut, die Aussicht in die Berge unverbaubar. Bei seiner Ankunft aber muss er feststellen, dass das alte Bauernhaus nebenan mit seinen Fachwerkelementen eine Dämmfassade bekommt. Praktisch, spart Heizkosten. Von seiner Terrasse hat er den besten Blick auf das Baugerüst.

Klaus S. würde gerne Häuser retten – aber er ist ja Architekt.

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Das Leben ist schön, wenn man es durch
die richtige Brille betrachtet.
Honoré de Balzac

I

SCHEINWELT MIT SEHHILFE

Was wir wahrnehmen (wollen)

Lifestyle-Magazine und die entsprechenden Seiten der Zeitungen setzen uns eine Brille auf, durch die das Leben und vor allem die Umgebung, in der es stattfindet, tatsächlich als schön wahrgenommen werden kann. Es ist die Brille, durch die wir die Debatte mitverfolgen, welche Serviettenfalten für die heurigen Weihnachten en vogue sind, ob Vintagemöbel tatsächlich noch im Trend sind und wie das große Panoramafenster nun völlig rahmenlos herzustellen und im neuen Haus einzubauen ist. Was wir nicht mehr sehen: Was da draußen, außerhalb dieses Fensters, rund um unseren Lebensort vor sich geht.

Wir glauben nur noch an die schönen Landschaften in unserem Land – sehen können wir sie nicht mehr. „In die Südsteiermark“, „auf den Arlberg“ oder (da müsste man sich schon bemühen, wenn man das epiteton ornans, das immer angeführte schmückende Beiwort weglassen wollte) „ins schöne Salzkammergut“ – wo immer wir hinblicken: Schön sind diese Orte für uns nur noch, weil wir übereingekommen sind, dass es sich um schöne Orte handelt – unabhängig davon, wie sie mittlerweile wirklich aussehen. All diese schönen Regionen leben nur noch von der Schönheit, die wir aus Tradition auf sie projizieren. Wir empfinden die Landschaft schön, weil es uns etwa durch die Malerei und (Postkarten-) Photographie so anerzogen worden ist; weil uns die bis vor einiger Zeit dort praktizierte Bebauung als harmonisch gilt – und wir nicht sehen wollen, was die Menschen, die in dieser schönen Umgebung leben, an Scheußlichkeiten alles zulassen. Denn es gibt leider keine Garantie dafür, dass sich die Schönheit der Umgebung auf die Wahrnehmung der dort lebenden Menschen und ihren aktuellen gestalterischen Willen auswirkt.

Der verstorbene frühere Profil-Herausgeber, Hubertus Czernin, schreibt zwar im Nachwort zu einem Büchlein, in dem er die schönsten Beschreibungen des Salzkammerguts versammelt: „Und tatsächlich kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass sich die Menschen des Salzkammerguts jenem Bild anzupassen versuchen, das seit Jahrzehnten allen Wirklichkeiten zum Trotz überliefert wird.“1 Er kann damit aber wohl nur die Charaktereigenschaften gemeint haben, oder vielleicht den Wetterfleck. Ansonsten gehen sie zerstörerisch mit den Stereotypen um, die wir an dieser und anderen Landschaften so lieben, und tun Kritik daran als Gefühlsduselei der Fremden ab, einst belächelte Sommerfrischler, heute nicht gerade freudig erwartete Touristen. Diese bis zu einem gewissen Grad liebenswürdige Ignoranz (und die gehört zu den Charaktereigenschaften) wird mittlerweile ganz deutlich in der Landschaft sichtbar – wenn wir hinschauen.

Denn nehmen wir sie wirklich in ihrer Entstellung wahr? Und wie oft blicken wir aus dem Zugfenster hinaus, um bewusst die Landschaft anzusehen, durch die wir fahren (aus dem Auto geht das seltener, weil wir, statistisch gesehen, zumeist selber lenken)? Wie wichtig ist uns mitten in der Stadt die Gestaltung einer Hausfassade oberhalb des dritten Stockwerks? Und was bietet sich uns auf Straßenniveau an Garagentoren inmitten schönster Jugendstilfassaden? Wir können die Augen vor vielen Zumutungen zwar nicht verschließen, aber wir nehmen uns offenbar umso mehr Kraft, die Dinge auszublenden, um uns in unserer Welt dennoch wohl zu fühlen. Wir könnten einige Bereiche natürlich auch einfach als „failed landscapes“ abschreiben. Aber doch nicht so viele!

Die Schönheit unserer Umgebung mag ein oberflächliches Thema sein. Aber wir leben nun einmal, wenn wir uns nicht völlig vergeistigt in der Theorie befinden, ganz praktisch an der Oberfläche – immer mehr allerdings, ohne zu merken, wie sie aussieht. Da wir aber diese Umgebung in ihrer ganzen Oberflächlichkeit ständig sehen, bei Berührungen spüren, in ihrer Atmosphäre empfinden, müssen wir uns, und zwar gar nicht so oberflächlich, mit der Umgebung, in der wir uns bewegen, auseinandersetzen. Legen wir also die Brille ab.

Schönheit und ihr Gegenteil

Wenn meine Tochter von der Schule nach Hause kommt, dann antwortet sie auf die Frage danach, wie der Tag war, sehr einsilbig mit „Schön“. Das ist aber (welcher Vater würde das zu denken wagen) nicht eine Methode, die lästig fragenden Eltern los zu werden. Denn es gibt (nachweislich!) gleichsam als Beweis für die Ehrlichkeit der Antwort beizeiten auch Unmutsäußerungen über Vorkommnisse des Tages. Mit schön, so lässt sich bei hartnäckiger Recherche im Kinderzimmer feststellen, ist das gemeint, was wir Gesprächigeren gemeinhin mit geglücktem Tag umschreiben und anschließend vielleicht etwas ausführlicher beschreiben würden. Die Schönheit des Tages ist das Glück, das wir an ihm erfahren haben.

Gibt es aber einen schönen Tag in einer hässlichen Umgebung? Und ist der hässliche Tag eigentlich der richtige Gegensatzbegriff dazu? Wohl nicht. Denn auch Hässlichkeit folgt einer stimmigen Form. Hässlich können etwa die Fratzen beim Tiroler Berchtenlauf sein, und doch sind sie für sich genommen (und vor allem für die staunenden deutschen Wintertouristen) schön! Hans Holbeins Holzschnitte aus dem 16. Jahrhundert sind ebenso hässlich – und doch ganz schön (wenn man einen hätte). Und das gilt nicht nur für die Betrachtung aus heutiger Perspektive (die uns so manches in anderem Licht erscheinen lassen könnte, weil wir einer Projektion der modernen Sichtweise in die Vergangenheit aufsitzen könnten), sondern auch aus der Perspektive der Zeitgenossen. Jedenfalls versichert uns etwa der hl. Bernhard von Clairvaux, ein mittelalterlicher Mystiker des 12. Jahrhunderts, dass die Monster und Fratzen, wie sie uns heute noch von mancher Kathedrale dieser Zeit entgegenspringen, von den Gläubigen mit Genuss betrachtet wurden – auch wenn er selbst von Berufs wegen solches für moralisch verdammenswert hielt.2

Scheußlich kommt der Sache schon näher, und lässt die Widerlichkeit, das Abstoßende und den Ekel empfinden, die von ihrer Umgebung ausgehen. Dennoch ist die Beschreibung zu ernsthaft. Beim Wort scheußlich schwingt ein allzu ernsthafter Hintergrund mit. Da gibt es einen Täter, einen Überzeugungstäter zumeist, der die Sache gar nicht so scheußlich empfunden hat – aber sie willentlich dennoch genauso gemacht hat: Der ambitionierte Häuslbauer etwa könnte das sein, der von seinem scheußlichen Eigenheim durchaus entzückt ist.

Interessanterweise kennt nur das österreichische Deutsch einen völlig passenden Ausdruck, der das Schöne negativ definiert, einen, den es in der deutschen Hochsprache nicht gibt: schiech (so wird es im Wörterbuch versucht zu schreiben), oder eigentlich immer schiach gesprochen. So bezeichnen wir vieles, das uns umgibt. Einzig beim Begriff schiach schwingt die Belanglosigkeit mit, die der Sache innewohnt, vor allem ihre gestalterische Intention, aus der heraus sie gemacht worden ist. Was schiach ist, hätte nicht so werden sollen. Nicht nur nicht schiach, sondern überhaupt ganz anders. So wollte es eigentlich keiner. Aber viele denken beim Hinsehen: „Eh wurscht.“

Wir haben leider nicht eine Schwäche für das Ästhetische, sondern eine ästhetische Schwäche: Obwohl ein katholisches Land, das uns in seinen Äußerlichkeiten an vielen Orten immer wieder zu (etwa barocker) Lebenslust animieren würde, hat der calvinistische Puritanismus doch massiv Einzuggehalten; nicht im religiösen Sinn natürlich, aber mit einer Lust an Verbotenem: vom Alkohol (in welcher seriösen TV-Diskussionssendung wird er noch getrunken?) bis zum Tabak (das Rauchverbot auf der Straße ist so abwegig nicht mehr), vom Müßiggang („Leistung muss sich wieder lohnen“ in unserer „solidarischen Hochleistungsgesellschaft“) bis zur – erraten – Schönheit (wer hat eine Rentabilitätsrechnung für sie?).

Wer also nicht in völliger Gleichgültigkeit über die Verschandelung seiner Lebensumgebung „Eh wurscht“ denkt, versteckt die Rentabilitätsrechnung hinter der vermeintlich unlösbaren und daher die Debatte beendenden Geschmacksfrage. „Scheh is a Weiberarsch“ ist als Beendigung der Debatte von einem Bürgermeister einer Gemeinde in schönster Umgebung überliefert;3 und zwar als Begründung für so manche Hässlichkeit und Verschandelung, die er dort als Politiker betrieben und als Baubehörde zugelassen hat.

Der je nach Sichtweise derbe oder launige Hinweis auf die Unnötigkeit, über die Verschandelung zu diskutieren, ist in gewisser Weise aber nicht so abwegig. Es ist aber aus gegenteiligem Grund unnötig, darüber zu streiten: Weil es uns allen im Grunde klar ist, womit wir die Umgebung verschandeln, und wir das auch alle benennen können (auch wenn es selten einen über die Benennung hinaus lauten Aufschrei gibt, weil wir – siehe oben – einfach nicht mehr so genau hinsehen, was uns umgibt).

Schönheit und ihr Streit

An der Schönheit haben sich schon viele Philosophen seit der Antike abgearbeitet: von Platons Gleichung, wonach das Schöne wohl auch das Gute sein muss, bis zu Vitruvs konkreter Ausgestaltung des Schönen in der Architektur. Viele tun es heute ebenso intensiv: von Ecos Geschichte der Schönheit4 bis Liessmanns Kitsch5. Wie bei allen philosophischen Fragen kommt es aber nicht darauf an, ob ein kleiner Kreis im Lichte der Schreibtischlampe Erkenntnisse gewinnt, sondern ob die Menschen in einem großen Umfang mit Schönheit etwas anfangen können: Es geht nicht darum, die Schönheit zu beschreiben, sondern die Welt schöner zu machen. Und obwohl die Entstellung unserer Umgebung objektiv auszumachen ist, verschanzen wir uns gerne hinter den Geschmacksfragen.

„Geschmäcker und Watschen sind verschieden“ wird dann als unumstößliche Erklärung ins Treffen geführt, allenfalls auch das lateinische Sprichwort strapaziert: De gustibus non est disputandum (Über Geschmäcker lässt sich nicht streiten). Unabhängig dieser Übersetzung heißt es allerdings meist: Ob’s schön ist, darüber kann man streiten. Aber letztlich ist es in der Regel dem indifferenten Betrachter landschaftlicher Scheußlichkeiten völlig gleichgültig, ob man nun kann oder nicht. Es ist ja alles nicht so schlimm, solange man sich beim Diskonter im Niemandsland ein paar Cent sparen kann.

Dass es dort nicht schön ist, das ist allerdings keine Geschmacksfrage, sondern unstrittig – und das macht uns das Unterfangen dieser Schrift schon leichter. In hunderten von Studien hat sich bestätigt, dass Menschen sich erstaunlich einig sind, wenn es um die Schönheit des Gesichtes geht.6 Als Faustregel lässt sich sagen: Ungefähr die Hälfte unseres Schönheitsurteils ist „objektiv“ – überschneidet sich also mit dem unserer Mitmenschen.

Wie sehr das übertragbar ist, zeigen die Ströme von Touristen, die im Wesentlichen ähnliche Ziele, seien es Kathedralen oder Südseeinseln, Fjorde oder Bergkämme, übereinstimmend als schön empfinden (manchmal hilft dabei auch die Anzahl der Baedeker-Sternchen im Reiseführer). Schönheit lässt sich also quantifizieren, ohne dass man sich lange damit aufhält, was sie nun eigentlich ausmacht.7 Kaum jemand verbringt seinen Winterurlaub in Liezen oder fährt zur Sommerfrische nach Attnang-Puchheim, obwohl beides so verkehrsgünstig liegt. Es braucht uns niemand zu erklären, dass diese Orte nicht schön sind – und wir brauchen auch nicht die intellektuelle Einsicht, das zu verstehen. Es versteht sich von selbst.

Schönheit und ihre Schönheit

Anders als bei den Kathedralen oder Südseeinseln ist es in der Kunst oft nötig, sich mit der Materie eingehend zu befassen, um Kunst-Genuss erleben zu können, also um die Kunst für sich auch tatsächlich schön finden zu können. Ein Rundgang durch das Wiener Mumok ohne ausreichende Vorbildung kann bei so mancher Ausstellung ganz schön frustrierend sein. Ähnlich ist es wohl für den durchschnittlichen Ö3-Hörer, wenn man ihn unvorbereitet in ein Zwölf-Ton-Konzert setzt. In beiden Fällen aber (wie es der Ausdruck Vor-Bildung schon nahelegt) hat das etwas mit dem zuvor angeeigneten Wissen des Einzelnen zu tun, der sich ein bestimmtes Reich erschließen will. Wer das mangels Bildung nicht kann, oder trotz ausreichender Bildung einfach nicht will, kann sich diesen (dann strapaziösen) Genüssen aber immerhin entziehen.

An unsere Lebensumgebung aber müssen wir andere Maßstäbe anlegen. Wir dürfen Vorbildung zu ihrer richtigen8